Hélène de Beauvoir wächst im Paris der Avantgarde auf. Schon früh richtet sich ihr Blick auf eine Welt jenseits bürgerlicher Erwartungen – auf Kunst, Bewegung und Freiheit.
Aus der zeichnenden Schülerin wird eine international ausgestellte Malerin. Ihre Stationen führen sie durch Europa und Nordafrika; später verbindet sie ihre Kunst immer stärker mit einer Haltung gegen soziale Ungerechtigkeit und Gewalt an Frauen.
Hélène de Beauvoir wird am 9. Juni 1910 in Paris geboren, zwei Jahre nach ihrer Schwester Simone. Als im August 1914 der Erste Weltkrieg beginnt, hält sich die Familie in Meyrignac in der westfranzösischen Region Limousin auf. Die Sommer dort bleiben Hélène als Gegenwelt zum Pariser Alltag in Erinnerung. Sie nennt Meyrignac später einen „Ort der Freiheit“. 1915 wird ihr Vater Georges de Beauvoir zum Kriegsdienst einberufen.
Wie Simone besucht Hélène die Pariser Privatschule Cours Desir. Dort entsteht ihr erstes Illustrationsprojekt: die satirische Zeitschrift L’écho du Cours Desir. Von der Familienwohnung am Boulevard Montparnasse aus sehen die Schwestern auf das Künstlercafé La Rotonde, einen Treffpunkt der Avantgarde. Der Blick hinüber wird zum Symbol für eine andere, selbstbestimmte Existenz.
„Ein anderes Leben.“
Der gemeinsame Traum der Schwestern am Boulevard Montparnasse
1918 schenkt Hélènes Pate ihr Charles Perraults Contes mit Illustrationen von Gustave Doré. Seine Zeichnungen erlebt sie als einen „sehr wichtigen künstlerischen Schock“. Nach dem Krieg verarmt die Familie und zieht 1919 in eine bescheidenere Wohnung in der Rue de Rennes.
1927 legt Hélène ihr Baccalauréat in Philosophie ab. Ein Jahr später wird sie an der École Art et Publicité in der Rue de Fleurus aufgenommen. Die Schule arbeitet mit ungewöhnlichen Methoden: Die Studierenden lernen zeichnen, indem sie Filmsequenzen beobachten. Hélène entdeckt dabei ihre besondere Vorliebe für das schnelle Skizzieren. 1928 begegnet sie außerdem Jean-Paul Sartre.
1935 führt Hélènes erste Reise ohne Begleitung nach Italien. Im folgenden Jahr zeigt die Pariser Galerie Bonjean ihre erste Einzelausstellung. Zu den Besuchern gehört Pablo Picasso, der ihre Arbeiten sehr schätzt. Die junge Künstlerin hat damit früh einen Platz in der Pariser Kunstwelt gefunden.
1940 reist sie nach Lissabon zu Lionel de Roulet, einem ehemaligen Schüler Sartres. Zehn Tage nach ihrer Ankunft wird Paris von der Wehrmacht besetzt. Lissabon wird unvermittelt zum Exil. 1942 heiraten Hélène und Lionel.
Nach Kriegsende verlassen beide Portugal. Lionel wird 1945 als Diplomat nach Wien berufen; 1947 folgt Belgrad, wo er als Kulturattaché tätig ist. Ein Jahr später tritt er in den Dienst des französischen Außenministeriums. Mit diesen Ortswechseln erweitert sich auch Hélènes künstlerischer Horizont.
1949 beginnt der Aufenthalt in Marokko. Dort findet sie zu einer eigenständigen Bildsprache: reine Farben, flächiger Auftrag und eine zunehmend klare, persönliche Form.
1950 lassen sich Hélène und Lionel in Mailand nieder. Sieben Jahre lang genießen sie die kulturelle Vielfalt der Stadt und erwerben zugleich ein Ferienhaus in Trebiano bei La Spezia. 1951 zeigt die Pariser Galerie 55 ihre marokkanischen Arbeiten. Es folgen 1955 eine Ausstellung in der Mailänder Galleria Il Millione und die Beteiligung an Peintres d’aujourd’hui, France – Italie in Turin.
1956 trägt ihre Ausstellung in der Pariser Galerie Greuze den Titel Cubisme, prismes, cristaux. Ab 1957 lebt sie für drei Jahre wieder in Paris. Ihre inzwischen deutlich bekannteren Werke sind in Paris, Berlin, Mailand, Florenz, Mainz und Venedig zu sehen.
1960 nimmt Hélène am Salon de mai im Museum der Stadt Paris teil. Das Museum erwirbt eines ihrer Werke; noch im selben Jahr beauftragt sie die Pariser Gobelin-Manufaktur mit einem Wandteppich. Gleichzeitig zieht das Paar nach Straßburg, weil Lionel in den Europarat berufen wird. Später leben beide im elsässischen Scharrachbergheim.
1961 stellt Hélène in der Galerie Hanna Bekker vom Rath in Frankfurt am Main aus. 1963 folgt in der Pariser Galerie Synthèse Variations sur Venise. In der von Sartre herausgegebenen Zeitschrift Les temps modernes erscheint ein Beitrag über ihre Malerei. Hélène und Lionel erwerben ein Haus in Goxwiller und lassen sich endgültig im Elsass nieder. Im Dezember desselben Jahres stirbt ihre Mutter Françoise – ein Verlust, den Simone später in Ein sanfter Tod verarbeitet.
1967 verwirklichen die Schwestern ein lange geplantes gemeinsames Projekt: Simone veröffentlicht La femme rompue – auf Deutsch Die gebrochene Frau – mit Illustrationen von Hélène.
Die Studentenrevolte von 1968 in Paris und Straßburg verändert Hélènes Arbeit. Sie verspürt nun stärker das Bedürfnis, soziale Missstände in ihren Bildern sichtbar zu machen. 1969 zeigt sie ihre Arbeiten über den Mai 1968 unter dem Titel Le Joli Mois de mai in den Wintergärten des Pariser Moulin Rouge und im Studio Hermès in Rom.
1970 reist sie nach Japan und begegnet in Regensburg dem Galeristen Ludwig Hammer. Daraus entsteht eine fruchtbare Zusammenarbeit. Es folgen Ausstellungen in Boston, Lahr und Amsterdam 1971 sowie in New York, Rom und Amsterdam 1973. 1972 arbeitet Hélène in einem Malatelier mit Arbeitern des Peugeot-Werks in Montbéliard.
Eine große Retrospektive im Palais des Arts et de la Culture in Brest versammelt 1975 rund hundert Werke aus den Jahren 1953 bis 1975. 1976 stellt sie im Musée des Beaux-Arts in Lausanne aus.
1978 zeigt die Pariser Galerie des Futurs ihre Ausstellung Regard d’une femme sur le monde des hommes. Im selben Jahr gründet sie in Straßburg den Verein SOS Femmes Solidarité – Centre Flora Tristan. Die Anlaufstelle unterstützt weibliche Gewaltopfer; Hélène leitet sie fünf Jahre lang.
Kunst war für sie nicht nur Ausdruck, sondern auch Widerspruch.
Am 15. April 1980 stirbt Jean-Paul Sartre. Im Februar 1986 zeigt Hélène Arbeiten im französischen Ministerium für Frauenrechte. Während sie sich zur Vernissage einer Ausstellung an der Stanford University in den USA aufhält, stirbt Simone de Beauvoir am 14. April.
1987 erscheinen Hélènes Erinnerungen unter dem Titel Souvenirs. Die deutsche Ausgabe trägt den programmatischen Titel Souvenirs – Ich habe immer getan, was ich wollte. 1990 stirbt Lionel de Roulet. Ein Jahr später veröffentlicht Patricia Niedzwiecki die Monografie Beauvoir peintre.
1995 widmet die Universität von Aveiro in Portugal Hélène eine Ausstellung. Der Universität vermacht sie zahlreiche Werke aus ihrer portugiesischen Zeit. Am 1. Juli 2001 stirbt Hélène de Beauvoir in ihrem Haus in Goxwiller im Alter von 91 Jahren.